Montag  —  21. Mai 2012
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Abbildung: Marcus Povey – Lizenz: CC BY 2.0

Inhaltliche Konflikte und persönliche Animositäten, aufgelöste Landesverbände und eine Abspaltung prägen derzeit das Bild der PPÖ.

Seit 2006 in Schweden die erste Piratenpartei gegründet worden war, gewann die Bewegung weltweit an Gewicht. Über 60 Mitglieder zählt der internationale Dachverband mittlerweile. Bei der Berlin-Wahl vergangenes Wochenende zog die Piratenpartei Deutschland erstmals in ein Landesparlament ein. Längerfristig bereitet sich auch die österreichische Schwesternpartei (PPÖ) auf Wahlen vor – die Voraussetzungen stehen allerdings weniger günstig.

Schon zu Jahresbeginn kam es zu Zerwürfnissen, im Mai spaltete sich eine Gruppe von der Landesorganisation Tirol ab und gründete mit den »Piraten Tirol« einen »unabhängigen und überparteilichen Zusammenschluss aktiver Piraten«. Ebenfalls im Mai warf ein ehemaliger Pirat der Bundesorganisation »Handlungsunfähigkeit« vor, da Account-Zugänge lediglich im Besitz von Ex-Mitgliedern gewesen seien, die diese aber anfangs nicht herausgeben wollten. Im Juni wurden die Landesorganisationen Oberösterreich und Steiermark aufgelöst, im Juli schließlich ein neuer Bundesvorstand gewählt, um eine »Phase interner Konflikte zu beenden«.

»Terrorverdacht« in Tirol

»Man könnte meinen es kehrt wieder etwas piratiger Aktivismus ein. Leider ist dem nicht so«, schrieb der ehemalige Tiroler Landesvorstand Clemens Lassnig Ende August in seinem Blog. Nachdem ihm im PPÖ-Forum eine Nähe zum Attentäter Anders Behring Breivik vorgeworfen wurde, legte Lassnig auch seine Tätigkeiten für die »Piraten Tirol« nieder. Er habe »keine Lust mehr, mit Leuten zu arbeiten die auf einem derartigen Niveau agieren«, bekräftigte er.

»Nachdem nun auch weitere Tiroler Piraten ausgetreten sind, hat sich das Projekt ›Piraten Tirol‹ bis auf weiteres erledigt. Da dieses Projekt erst gar nicht über die Planungsphase hinausgegangen ist«, will sich Lassnig auf Anfrage von derStandard.at nicht weiter zu den Konflikten äußern.

»So ein Kindergarten»

Vorwürfe, Tiroler Aktivisten würden die Bundes-PPÖ demontieren wollen, quittiert Lassnig mit den Worten: »So ein Kindergarten. Grüße nach Wien; das macht ihr schon selbst, keine Angst.« Solche Aussagen würden eine Einzelmeinung darstellen, erwidert Patryk Kopaczynski, der Vorsitzende des Bundesvorstands.

»Für Außenstehende sieht es immer anders aus als für die Leute, die intern beteiligt sind. Es gab früher einen Konflikt mit Ex-Mitgliedern, die sich nicht mehr mit den Meinungen neuer Mitglieder identifizieren konnten und via Medien, Twitter und Foren parteischädigend gewirkt haben. Das hat sich jetzt zum Glück aufgehört«, sagt Kopaczynski, um aber nachzusetzen: »Zumindest hält es sich in Maßen.« Im Großen und Ganzen sei die PPÖ aber handlungsfähig.

Persönliche Animositäten

»Im Moment gibt es intern eigentlich keine Probleme«, kalmiert auch Pressesprecher und Vorstandsmitglied Sylvester Heller: »Es sind zwar alle Individualisten und natürlich ist man öfter unterschiedlicher Meinung. Aber dazu gibt es die Piratenpartei, um auch unterschiedlicher Meinung sein zu dürfen, ohne dass eine Parteimeinung von oben herab bestimmt
wird.«

Ob es sich aber immer nur um entgegenstehende Sachmeinungen handelt, ist unklar. Tatsächlich gab es auch in jüngerer Zeit wieder persönliche Angriffe zwischen Parteimitgliedern. Etwa wurde anhand von Foreneinträgen bei einem Bundesfunktionär eine »psychische Erkrankung« diagnostiziert, die innerhalb der Partei »ihr Zerstörungswerk fortführt«, und deswegen eine Enthebung aller Parteiaufgaben gefordert. Der Angegriffene wiederum reagierte seinerseits Ende August mit einem Ausschlussansuchen gegen den ursprünglichen Antragsteller.

Staunen, »was da abgeht»

»Die Streitereien in Tirol gibt es schon seit Jahren«, klagt Heller: »Es waren Leute dabei, von denen man nicht wusste, welche Motive sie hatten, in die Politik zu gehen.« Bei einer der Auseinandersetzungen in der letzten Zeit habe es Missverständnisse gegeben, jemand habe etwas auf sich bezogen, der gar nicht gemeint war, sagt der Pressesprecher.

Von Seiten des Bundesvorstands herrsche immer wieder Staunen, »was da abgeht. Und wenn es Anwürfe in unsere Richtung gibt, dann lassen wir das auch nicht unwidersprochen. Natürlich versuchen wir, die Reibereien zu beenden, aber es herrscht Ratlosigkeit, was zu tun ist. Zumal der Konflikt zwischen Tirol und Wien konstruiert wirkt und in Wahrheit nur von zwei, drei Leuten ausgeht«, meint Heller.

»Zwei Monate später lag die Partei in Scherben«

»Anfang des Jahres war alles wunderbar, wir hatten eine sehr konstruktive Jahresversammlung. Zwei Monate später lag die Partei in Scherben«, sagt Alexander Steinwendner, der Vorsitzende der Tiroler Landesorganisation. »Offensichtlich sind innerhalb der PPÖ sehr energische Individuen aufeinandergetroffen. Tirol hat versucht, sich möglichst herauszuhalten.
Es gab dann aber Vorwürfe, wir würden uns abspalten wollen – ausgerechnet die eine Landesorganisation, die am treuesten war. Daraufhin waren die Tiroler natürlich ordentlich sauer.« Was schließlich tatsächlich zu einer Abspaltung geführt habe.

Erschwert wird die Causa, weil es in der Landesorganisation Tirol trotz offiziellem Weiterbestehen kaum mehr Mitglieder geben würde, die aktiv mit der Bundesorganisation zusammenarbeiten, so Sylvester Heller: »Es ist ähnlich wie mit den Landesorganisationen Oberösterreich und Steiermark. Es hat sich herausgestellt, dass es manchmal besser ist, man lässt sie sich auflösen und eventuell neu gründen, bevor man sich mit personellen Altlasten herumstreitet.«

Eine vollkommen andere Partei als heute

Angesprochen auf die Auflösungstendenzen beschwichtigt Kopaczynski: »Ich glaube, es ist nicht so relevant, ob es überall eine Landesorganisation gibt.« Vielmehr komme es darauf an, dass die Kommunikation mit den Mitgliedern in den jeweiligen Bundesländern funktioniert. Dessen ungeachtet würden im Burgenland, in Kärnten und wiederum in Oberösterreich Landesorganisationen neu aufgebaut.

Andreas Demmelbauer war bis August PPÖ-Mitglied in Linz, legte seine Mitgliedschaft jedoch nieder, weil es zu viele kleine Scharmützel zwischen einzelnen Mitgliedern, aber auch erhebliche Kontroversen bei der inhaltlichen Ausrichtung gegeben habe: »Es ist ziemlich schnell eine neue Generation ans Ruder gekommen, deren Pläne nicht mehr den Vorstellungen der Gründungsmitglieder entsprachen.« Verglichen mit vor einem Jahr sei die Partei eine vollkommen andere, fast alle aus dem engeren Kreis seien nach und nach ausgetreten, sagt Demmelbauer. Aus dieser Entwicklung heraus sei auch die oberösterreichische Landesorganisation auseinandergebrochen.

Antritt bei der Nationalratswahl 2013

Die Aussichten für die kommende Zeit scheinen nicht die vielversprechendsten. »Ich glaube nicht, dass die Partei in dieser Besetzung eine Zukunft hat und etwas bewegen kann«, so Ex-Mitglied Demmelbauer.

Der Marschplan sei dennoch definiert, meint Alexander Steinwendner: »Das nächste Ziel ist ganz klar, bei der Nationalratswahl 2013 anzutreten.« Es sei allerdings noch einiges an Arbeit notwendig, gesteht Kopaczynski ein: »Wir müssen Aufklärung betreiben, damit die Leute uns wahrnehmen, neue Mitglieder anwerben.«

Ein Kategorienmodell zur Erweiterung des Spektrums

Außerdem sei auch inhaltlich noch ein langer Weg zu beschreiten und ein detailliertes Wahlprogramm auszuarbeiten. Ein erster Schritt, der auch eine Verbreiterung des Spektrums vorsieht, sei schon gesetzt, erklärt Steinwendner. Es wurde ein Kategorienmodell erstellt, in dem die erste Kategorie den Kernthemen – wie Überwachung und Privatsphäre, Reform des Urheberrechts oder freier Zugang zu Bildung und Wissen – gewidmet ist und die vierte und letzte den weniger zentralen Anliegen entspricht.

Um eine konstruktive inhaltliche Tätigkeit zu gewährleisten, müssen allerdings erst die parteiinternen Konflikte gelöst werden. »Momentan sind wir zwar noch kein zusammengeschweißtes Team, sondern eher auf einer Vorstufe. Aber wir befinden uns am besten Weg«, sagt der Tiroler Steinwendner hinsichtlich eines intakten Umgangs miteinander. Auf die Frage, ob für eine bessere Zukunft die Zusammenarbeit mit den Landesverbänden einwandfrei funktionieren müsse, antwortet Kopaczynski: »Einwandfrei wird sie wahrscheinlich nie funktionieren. Wie bei allen anderen Parteien.«

Dieser Artikel erschien zuerst auf derStandard.at.

Ø

Update und Erklärung am 20. September 2011: Heute erschien eine gekürzte Version dieses Artikels in der Printausgabe des STANDARD. Clemens Lassnig, der im Text erwähnte Ex-Vorstand der Tiroler PPÖ-Landesorganisation, erhob im Anschluss in einem offenen Brief Anwürfe in meine Richtung:

»wie mir soeben zugetragen wurde, wurden Aussagen meinerseits und von meiner Homepage im Print Standard veröffentlicht. Wie mir gesagt wurde, wurden meine Texte aus dem Zusammenhang gerissen und stellen mich als Saobteur der PPÖ sowie als Sympathisanten vom Attentätern von Oslo dar. Das entspricht in keinster Weise der Wahrheit. Ich hätte den Jounalisten vom Standard doch etwas mehr Feingefühl zugetraut. Ich erwarte mir eine Richtigstellung.«

Lassnig betrafen zwei Sätze:

»Wenig später zog sich der Tiroler Ex-Vorstand Clemens Lassnig zurück – ihm war Nähe zum norwegischen Attentäter Behring Breivik vorgeworfen worden. Er wolle nicht mit Leuten arbeiten, ›die auf einem derartigen Niveau agieren‹.«

Wenig später zog sich der Tiroler Ex-Vorstand Clemens Lassnig zurück – ihm war Nähe zum norwegischen Attentäter Behring Breivik vorgeworfen worden. Er wolle nicht mit Leuten arbeiten, die auf einem derartigen Niveau agieren.

Ich halte nicht viel davon, solche Dinge öffentlich auszutragen. Vor allem, weil hier zwei den Tatsachen entsprechende Sätze in einer Art zur Affäre aufgeblasen werden, die vielleicht auch Auskunft über die Konfliktkultur in Teilen der österreichischen Piratenbewegung gibt. Ich kann Lassnigs Anschuldigungen allerdings auch nicht unerwidert stehen lassen und möchte mich einer abschließenden Erklärung nicht enthalten:

Ø

Lieber Herr Lassnig,

der Print-Artikel ist eine gekürzte Version des online veröffentlichten Textes, von dem Sie selbst sagen, Ihre Aussagen seien »korrekt wiedergegeben« worden. Dementsprechend kann ich Ihre plötzliche Verärgerung nicht nachvollziehen.

Sie schreiben »wie mir soeben zugetragen wurde« und »wie mir gesagt wurde« – ich würde Sie bitten, sich nicht nur aufs Hörensagen zu verlassen, sondern sich auch selbst ein Bild zu machen, um mögliche Missverständnisse auszuräumen. Derer gibt es mehrere:

Erstens: Ich habe Ihnen nicht vorgeworfen, Sie würden die Piratenpartei sabotieren wollen. Ich habe lediglich über diesen Vorwurf, der von einigen Ihrer Ex-Kollegen ausgegangen war, berichtet. Sie selbst bestätigen den Bericht: »von Seiten der PPÖ Piraten kommen laufend Vorwürfe und Unterstellungen die Piraten Tirol würden einzig zum Ziel haben der PPÖ zu schaden und diese zu demontieren. So ein Kindergarten. Grüße nach Wien; das macht ihr schon selbst, keine Angst.«

(Es besteht ein Unterschied zwischen einem Vorwurf und dem Bericht über einen Vorwurf.)

Zweitens: Ich habe Ihnen nicht vorgeworfen, Sie würden mit dem norwegischen Attentäter Behring Breivik sympathisieren. Ich habe lediglich über diesen Vorwurf, der von einem Ihrer Ex-Kollegen ausgegangen war, berichtet. Sie selbst bestätigen den Bericht: »für einen ›Piraten‹ war ich somit ein Terrorverdächtiger« und »Auch ich habe nach dem letzten Shitstorm keine Lust mehr mit Leuten zu arbeiten die auf einem derartigen Niveau agieren.«

(Siehe oben.)

Drittens: Ihre Unterstellung, die beiden Sie betreffenden Sätze aus dem Print-Artikel seien aus dem Zusammenhang gerissen, ist paradox. Die Sätze verweisen unmittelbar aufeinander und fassen die beiden Blogposts, auf die sie sich beziehen, unmissverständlich zusammen.

Apropos Feingefühl: Ich bitte Sie, die Anschuldigung, ich hätte »in keinster Weise die Wahrheit« geschrieben, zurückzunehmen. Auch wenn Sie mich nur in einem aufgeregt getippten Blogpost der Lüge bezichtigen, entspricht das doch dem Tatbestand der Üblen Nachrede.

Viele Grüße,
MM

Veröffentlicht von
unter dem Titel ...
»Die Piratenpartei steht sich selbst im Weg« am 19. September 2011, kategorisiert unter Feature, Politik und getaggt mit , .
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3 MAL KOMMENTIERT
  • Balken Tim | 19. September 2011 | 17:29 |
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    Balken

    Egal was man von dem Wahlergebnis halten mag: Solange wir noch eine parlamentarische Demokratie und das Wahlrecht haben, sollten wir nicht verzweifeln. Wechsel ist möglich und es stimmt auch einfach nicht, dass man als „Wahlbürger nichts bewegen könne“. Manchmal dauert es nur etwas länger, siehe Atomausstieg. Aber eines ist klar sein: Ohne politische Beteiligung des Einzelnen geht es einfach nicht. Wählen gehen ist daher erste Bürgerpflicht.

  • Balken C. Lassnig | 21. September 2011 | 09:02 |
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    Balken

    Ich entschuldige mich noch einmal öffentlich für diese Aussage. Sie war überzogen und unpassend. Eine Kritik an Ihrer Person ist nicht gerechtfertigt. Wie bereits per Mail erwähnt hat es mich nur sehr gestört, dass sich manchen Lesern der Printausgabe ein Zusammenhang zwischen dem Vorwurf einer psychischen Erkrankung und meinem Rücktritt ergibt. Ersteres war ein Clinch zwischen Bundes und Landesvorstand, Zweiteres meine Reaktion auf haltlose Vorwürfe. Ich bitte Sie meinen rüden Ton zu entschuldigen, die letzten Wochen und Monate zollen ihren Tribut. Ich würde dieses Kapitel nun gerne abschließen.

  • Balken Es rappelt im Karton… | DrFischerOnline.com | 23. September 2011 | 04:50 |
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    | Reply to this comment
    Balken

    […] Interessante Zeiten… Schöne Grüsse derweil noch aus Portugal, mal sehen wie lange noch ;) DanielIch sitze momentan in Portugal fest. Eigentlich wäre mein Rückflug nach Deutschland am Mittwoch ge…Internet gesetzt, um ein paar nähere Informationen dazu zu finden — und gefunden habe ich einige […]

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Die Massen lesen die „Kronen Zeitung“, das heißt, sie hören sich selber beim Denken zu, ohne zu ahnen, dass man ihnen nur gibt, was sie immer schon gedacht haben, sie freuen sich, dass es welche gibt, die sagen, was sie immer schon gesagt haben. So wird der Prozess des Denkens unterbrochen, ehe er noch beginnen kann. — Elfried Jelinek

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