Montag  —  21. Mai 2012
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Abbildung: Malcolm W. Browne – Lizenz: Alle Rechte vorbehalten

Ein buddhistischer Stupa in Niederösterreich? Nicht, wenn vorgeblich christliche Demagogen ihre perfide Rhetorik ins Spiel bringen.

In dem kleinen niederösterreichischen Örtchen Gföhl sollte das höchste buddhistische Friedensdenkmal Europas entstehen. Für den Bau des Stupas kaufte die ausführende Stiftung einen Grund auf dem Gemeindegebiet und beantragte die Umwidmung in Bauland. Der Bundespräsident wünschte dem »Bemühen um Frieden und Vermeidung von Gewalt den besten Erfolg«. Doch zuvor sollten in einer Bürgerbefragung auch die Gföhler über die Umwidmung abstimmen.

Dazu später mehr.

Gestern habe ich ein Interview mit Bop Jon Sunim geführt. Er stammt aus Südkorea und ist Leiter des Projekts. Im Zuge der Recherche wurde uns zugespielt, was zuvor bei den Gföhlern in den Briefkästen landete. In einer Postwurfsendung mit dem Titel »Buddhismus in Österreich – ein Wolf im Schafspelz« (PDF) appellierte eine Allianz erzkonservativer Verschwörungstheoretiker an die Bürger Gföhls, mit »Nein« zu stimmen. Unterfertigt wurde das Pamphlet von reaktionären Organisationen, die sich selbst als christlich verstehen:

  • Mission Europa — Netzwerk Karl Martell, ein FPÖ-naher Verein, hinter dem die wegen Herabwürdigung religiöser Lehren verurteilte Elisabeth Sabaditsch-Wolff steht;
  • der Wiener Akademikerbund, von dem sich der ÖVP-nahe Österreichische Akademikerbund trennte, nachdem sein Obmann die Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes und eine »generelle Beendigung der Einwanderung« gefordert hatte;
  • eine bisher kaum öffentlich in Erscheinung getretene Gruppe namens Pius XIII.; vom nach Papst klingenden Namen darf man sich nicht täuschen lassen – einen solchen gab es nie, auch wenn Mr. Pulvermacher das von sich behauptete;
  • die Christen-Allianz und die Anti-Abtreibungs-Bewegung Pro Vita, beides Einrichtungen, hinter denen Alfons Adam steckt, der mit der Partei »Die Christen« und Aussagen wie »Homosexualität ist eine Krankheit« schon mehrfach bei Wahlen gescheitert ist.

Die Argumente in dem Manifest gegen den Bau des Stupa sind dumm bis niederträchtig. Aus der Aussage »wer seine/n Partner/in, Kinder oder Schutzbefohlene betrügt, verletzt und schändet oder ganz allgemein seine sexuellen Neigungen anderen aufnötigt, verletzt die Würde des anderen und schadet in Verletzung der Eigenwürde letztlich auch sich selbst« drehen die reaktionären Gesellen den Buddhisten diesen Strick: »Mit solchen unklaren Aussagen wird der Pädophilie Tür und Tor geöffnet.«

Verzehr von Ausscheidungen und Fleisch toter Menschen

Die Paranoia gewinnt noch an Kontur. Einem nicht näher beschriebenen buddhistischen Zirkel mit »geheimen oberen Weihen« wird nachgesagt, zur »kriegerischen Welteroberung« aufzurufen. Der Dalai Lama als spiritueller Führer der Buddhisten selbst sehe sein »Endziel« als »diktatorischer Beherrscher der Welt«. Eingerichtet werden soll der »buddhistische Gottesstaat«, dessen Ideologie das »Fundament für eine esoterische Nazi-Religion« bildet1, mithilfe – es war fast zu erwarten – eines »blutigen und gnadenlosen Religionskrieges gegen die Anhänger der semitischen Religionen«. Die innere Logik bildet hier einen schönen Kreis, denn das Hakenkreuz sei bereits auf dem Grab Buddhas bezeugt.

Die so Erleuchteten schreiben sich in einen wahnhaften Rausch gegen die Irrlehren, sind aber immerhin noch zurechnungsfähig genug, um zu erkennen, dass neben Unterstreichung und Fettsetzung nicht auch noch eine kursive Auszeichnung notwendig ist. »Das Böse könne nur durch das Böse bekämpft werden, weshalb die Schüler aufgefordert werden, zu töten, zu lügen, zu stehlen und die Ehe zu brechen. Auch zum Verzehr von Ausscheidungen und von Fleisch toter Menschen wird angeregt.«

Brennende Mönche im Waldviertel

So grotesk die Rhetorik bisher war, dann wird sie perfide. »Sogar die Selbstverbrennung wird unter tibetischen Mönchen praktiziert«, heißt es über eine 1963 aufgenommene Fotografie, die den brennenden Körper des vietnamesischen2 Mönchs Thích Quảng Đức zeigt. Auf halb joviale, halb aufhetzende Weise sagt dieses »sogar«: Die verbrennen sich selbst, vielleicht aus Spaß, vielleicht, weil es ihrem Wesen entspricht, man weiß es nicht genau.

In Wahrheit sah Thích Quảng Đức in der Verbrennung den letzten Ausweg, um gegen die vom christlichen Regime Vietnams systematisch betriebene Ausmerzung buddhistischer Mönche zu protestieren – gegen chemische Attacken und Erschießungen Unbewaffneter.3 Die Verteidiger des christlichen Abendlandes drehen die Optik kurzerhand um 180 Grad und schaffen eine Schreckensvision von orangefarben gekleideten Glatzköpfen, die brennend durchs Waldviertel zu stürmen pflegen, um ihre ideologische Mission zu erfüllen.

Der Plan der Allianz scheint aufgegangen zu sein. In der Bürgerbefragung über die Umwidmung stimmten 67 Prozent der Gföhler gegen den Bau. Im Nachhinein ist natürlich nicht zu belegen, wie die Abstimmung ohne solche Aussendungen ausgegangen wäre. Elisabeth Lindmayer, eine Mitorganisatorin des Stupa-Baus, versicherte mir: »Die Mehrheit der Bevölkerung ebendort war bis vor etwa einer Woche noch dafür, und die Propaganda der letzten Tage dürfte die Stimmung zum Kippen gebracht haben.« Es würde mich nicht wundern.

  1. Amüsanterweise kritisiert die Priesterbruderschaft St. Pius X., ein Hort für Holocaustleugner und radikale Spinne diverser Coleur, den Dalai Lama in einer Sonderausgabe ihres Hefts »Ursprung und Ziel« wegen seiner marxistischen Ansichten. Daneben gab es noch weitere, vergleichsweise harmlosere Anti-Stupa-PR, etwa hier. Auch im oben verlinkten PDF finden sich noch andere Beispiele, darunter eine Aussendung einer Organisation mit dem klingenden Namen »Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum« und dem Slogan »Zur Wiederherstellung einer christlichen Zivilisation«.
  2. Der Unterschied zwischen »tibetisch« und »vietnamisisch« wird den Urhebern recht egal sein. Für ein ähnliches Foto dieser Serie wurde Malcolm W. Browne übrigens 1963 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.
  3. Siehe auch Buddhist Crisis
Veröffentlicht von
unter dem Titel ...
»Die verbrennen sich sogar selbst« am 15. Februar 2012, kategorisiert unter Politik und getaggt mit , , .
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