Wie Missverständnisse bei Ermittlungen das Funktionieren der hiesigen Boulevardmedien offenlegen.
Aus dem Nachhinein betrachtet ist dieser Kobuk-Artikel ein hervorragendes Lehrstück über die systematische Vorverurteilung in den Boulevardmedien des Landes. Ein 80-Jähriger Innviertler soll seine Töchter jahrzehntelang vergewaltigt haben. »Wahnsinn: Die Gemeinde glaubt an seine Unschuld!« schrieb die Tagesillustrierte »Heute« Ende August über den »Inzest-Opa« (so das Fellner-Blatt »Österreich«, siehe Ausriss). Während die Austria Presse Agentur und die seriöseren Medien bei dem Ende August bekannt gewordenen Fall stets von einem »Inzest–Verdacht« sprachen – und dass hier Aussage gegen Aussage steht –, blendeten die Sensationsblätter jede Eventualität einer Unschuld des »neuen Fritzl« (»Österreich«) kategorisch aus. Was auch rechtzufertigen schien, in private Räume mutmaßlicher Opfer zu fotografieren.
Der 80-Jährige wurde gestern aus der Untersuchungshaft entlassen, weil es Missverständnisse bei der Befragung seiner Töchter gegeben habe. Die 53-Jährige und die 45-Jährige, bei denen »geistige Defizite vorhanden sind«, beschuldigen ihren Vater zwar weiterhin der Gewalt und gefährlicher Drohungen, sprachen ihn aber vom »Inzest«-Aspekt frei, auf den die Journaille so geil angesprungen ist.
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